Auf Spurensuche bei Maria

Zugegeben: Nicht jeder ist ein „Marien-Fan“. Ich frage mich oft, was die „niedrige Magd aus Nazaret“ mit der glorifizierten Muttergottes zu tun hat. Ist es wirklich nötig, Maria auf einen solch unerreichbaren Sockel zu heben? Muss ich wirklich die krasse Gegenposition vertreten und von der in jungem Alter sich als Heimatvertriebene auf der Flucht befindenden, später der alleinerziehenden Mutter einer Patchworkfamilie, deren Sohn mal ausbüxte, mal sie brüsk zurechtwies, sprechen? Oder kann ich von der Frau, wie sie wirklich war, etwas lernen?
Fakt ist: Seit alters her wird Maria verehrt. Besonders Menschen, die Kummer haben oder in Not sind, beten zu ihr. Vielerorts locken in diesen Tagen Marien-Maiandachten in der Natur Menschen an, die sonst die Kirchenluft nicht so gut vertragen. Grund genug, auf Spurensuche zu gehen, was wir von Maria wissen: 1. was historisch gesichert ist; 2. was im Neuen Testament steht; 3. was weitere Texte, die Apokryphen schreiben; 4. was wir im Brauchtum kennen.
1. Aus der Historie
Historisch gesichert wissen wir über Maria fast gar nichts. Nur:
- Miriam,
- eine jüdische Frau,
- geboren im unbedeutenden galiläischen Dorf Nazaret,
- verlobt bzw. verheiratet mit einem Juden namens Josef,
- Mutter eines Sohnes, der den Namen Jeschua trägt,
- mit ihrer Familie zeitweise wohnhaft in Nazaret
- überlebte ihren Sohn und gehörte nach dessen Tod der Jerusalemer Urgemeinde an.
2. Aus dem Neuen Testament
Auch aus dem Neuen Testament wissen wir wenig:
- Ihr Bild darin ist vielfältig. Es gibt mindestens vier Blickrichtungen auf Marias Leben – je nachdem, welches theologische Interesse der jeweilige Evangelist verfolgte
- Maria wird als der ideale glaubende Mensch gezeichnet, quasi als Vorbild für alle Christen. Dazu ist Maria das Idealbild einer Frau, die sich selbstbewusst für ihren Glauben entscheidet. Wir erinnern die Geburtserzählungen: Ein Engel teilt Maria mit, sie bekomme einen Sohn, den sie Jesus nennen solle, und er werde der Heiland der Welt sein. Sie nimmt alles an wie Gott es ihr sagt. Die folgenden Strapazen u.a. mit der Reise nach Bethlehem, der Geburt unterwegs, der Flucht nach Ägypten oder der Suche des 12-jährigen Jesus im Tempel waren sicher nicht leicht. Aber schon da gehen wir ins Reich der Vermutungen – auch dass Maria es wohl alleinerziehend schwer hatte. Denn da von Joseph bald nichts mehr erwähnt wird, wird vermutet, dass er früh starb.
- Das Marienbild ist christologisch gefärbt. Das heißt: Wenn Maria im Neuen Testament geschildert wird, wird es immer aus dem Blick von Jesus. Wenn sie auftritt, stets in Bezug zu ihrem Sohn, z.B. bei der Hochzeit zu Kana, als sie ihn hinweist, der für das Fest essentielle Wein sei ausgegangen – und Jesus sie schroff zurechtweist („Was willst du von mir, Frau?“ Joh 2,4), sie ihm aber völlig vertraut (Johannes schildert Jesu göttliches Wesen in vielen Monologen, Gesprächen und Zeichen) und den Jüngern aufträgt: „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2,5).
3. Aus anderen Schriften
Mehr zu Maria wissen wir aus den Apokryphen, etwa dass ihre Eltern Joachim und Anna heißen. Großen Einfluss hatten die Apokryphen auf Liturgie, Kunst, Theologie und unsere Marienlieder.
Die Apokryphen sind Schriften aus dem 2. bis 7. Jahrhundert, die nicht in die Bibel aufgenommen worden sind – vor allem, weil sie den Ruf des Gefälschten erhielten, in vielem übertreiben und Legenden verarbeiten.
- Beispiel: Marias Schwangerschaft bringt Josef und sie vor Gericht: Beide müssen „Prüfungswasser“ (evtl. ein Giftwasser?) trinken und in die Wüste gehen. Sie kehren unversehrt zurück.
- Maria wird schon in den Apokryphen als Heilige verehrt und ihre Eigenschaften (Jungfrau, Gottesgebärerin, Neue Eva, Entschlafung Marias, Himmelfahrt) gegen Angriffe und Kritik verteidigt.
Fazit aus Historie und Texten
Also: Viel wissen wir nicht von Maria. Das Neue Testament dreht sich um Jesus. Und von ihm lesen wir hauptsächlich seine letzten drei Jahre ab seinem 30. Lebensjahr: Als er mit seinen Freunden durchs Land zog und von Gott predigte.
Maria fiel es sicher nicht leicht, alles mit ihrem Sohn zu ertragen, mitzuleiden. Wir hören, dass sie mit ihm auf seinem letzten Weg war. Sie stand unter dem Kreuz. Nach seinem Tod blieb sie bei seinen Freunden und Freundinnen. So erfuhr sie auch, dass Gott Jesus nicht im Tod gelassen hatte.
Wann und wo Maria gestorben ist, wissen wir nicht.
Am 15. August feiern wir Mariä Himmelfahrt – auch das geht auf die Apokryphen zurück. Es wird erzählt, dass Maria nun bei Gott ist und er sie besonders liebt als Jesu Mutter.
4. Aus dem Brauchtum
Die Marienverehrung begann früh. In den ersten Jahrhunderten nach Christus wurde Maria im griechischen Kulturkreis als weibliche Gottheit verehrt. Seit dem Konzil von Ephesus im Jahr 431 hat Maria eine besondere Stellung im Christentum und wird als Mutter Gottes verehrt.
Höhepunkt der Marienverehrung markiert die Barockfrömmigkeit eingangs des 17. Jahrhunderts: Maria ist die Superheilige. Man erwartet von ihr Wunder und stetige Hilfe. Man sagt, ein sieben Mal geweihter Rosenkranz sei in der Lage, Kranke zu heilen und jedes erdenkliche Unheil abzuhalten.
Gott, Christus und der Heilige Geist gerieten über die Marienverehrung immer mehr ins Abseits. Das prangerte Martin Luther an: Anzubeten sei allein Christus.
Nichtsdestotrotz war und ist die Verehrung Marias groß. Maria wird als Fürsprecherin bei Christus und Gott angesehen. Viele suchen in ihr die Mutter, die tröstet und Hoffnung spendet.
Eine Einladung zum Nachdenken und Gebet
Nachdenkfragen
In ein paar Momenten der Stille darf ich nachdenken. Wenn es mir guttut, setze ich mich an einen ruhigen Ort, höre ruhige Instrumentalmusik und lasse mich nicht ablenken:
- Gibt es Orte oder Gegenstände in meinem Leben, an/in denen Maria dargestellt ist? Wo sind sie? Warum sind sie da?
- Wie ist mein Bezug zu Maria?
- Was ist der wichtigste Aspekt für mich, aus dem, was ich von ihr weiß?
- Warum wende ich mich an sie?
- Wo tue ich mich schwer?
- An wen wende ich mich, wenn ich Trost und Hoffnung brauche?
Ältestes Mariengebet (griechisches Papyrusfragment, 3. Jh.)
Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir,
o heilige Gottesmutter.
Verschmähe nicht unser Gebet in unsern Nöten,
sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren,
o du glorreiche und gebenedeite Jungfrau.
Unsere Frau, unsere Mittlerin, unsere Fürsprecherin.
Versöhne uns mit deinem Sohne,
empfiehl uns deinem Sohne,
stelle uns vor deinem Sohne.
Amen.